Geschichte des Bürger- und Heimatvereins Nienstedten

Aus der Festschrift 125 Jahre Bürger- und Heimatverein Nienstedten

Autor: Herbert Cords

Das genaue Datum der Vereinsgründung lässt sich nicht mehr feststellen, die alten Protokolle waren verlorengegangen. Da 1926 die 50-Jahrfeier stattfand, ging man bisher von 1876 aus. Dieser Annahme schließen wir uns an, wenn wir im Jahr 2001 unser 125stes Jubiläum feiern. Einen Vorgänger hatte es gegeben, den „Verein zur Beförderung des Gemeindewohls“, dieser war wohl noch einige Jahre älter. Auch diese Unterlagen sind der Zeit zum Opfer gefallen. In alten Ausgaben der 1879 gegründeten „Norddeutschen Nachrichten“ ist jedoch einiges über die Vereinstätigkeit der Gründungsjahre zu lesen. So wurde 1881 der bisherige Vorstand per Akklamation wiedergewählt: Baumschulenbesitzer von Ehren, Lehrer Bohm, Gärtner Horstmann und Organist Kark. Ein bemerkenswerter Erfolg der Vereinstätigkeit in dieser Zeit war der Einsatz für eine Straßenbeleuchtung in Nienstedten. In den „Norddeutschen Nachrichten“ vom 15.10.1880 steht: „Alle Vereinsmitglieder wirkten einmütig für die Sache in Wort und Tat… Und nun schaffte der Verein die Laternen an und schenkte dieselben der Ortschaft, unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, dass die Unterhaltungskosten für alle Zeiten allein von der Commüne zu tragen seien…“ – So war das damals! Nienstedten hatte zu dieser Zeit etwas mehr als 870 Einwohner. Auch bei anderen Aufgaben wurde die „Commüne“ (Gemeindeverwaltung) finanziell unterstützt. So brachte der Verein im Jahre 1881 hundertfünfzig Mark auf für eine Uhr am Neubau der Schule Schulkamp; den noch fehlenden Betrag von 270 Mark stifteten andere großzügige Bürger. Darüber hinaus wurde immer wieder Geld gesammelt zur Unterstützung Hilfsbedürftiger.

Ab 1906 gibt es Protokolle der Vereinsversammlungen, aus denen wir ersehen können, mit welchen Themen man sich damals beschäftigt hat. Das waren in erster Linie das „Gemeindewohl“, Soziales und – nicht zu vergessen – Geselligkeit. Im Spätherbst eines jeden Jahres fand ein Wohltätigkeitsfest statt, dessen Erlös Bedürftigen zugute kam. Hauptarbeitsgebiete jedoch waren „allgemeine Ortsangelegenheiten“. Es war wichtig, Mitglieder des Vereins in der Gemeindevertretung zu haben. Damals war Nienstedten noch selbstständig und hatte einen Gemeindevorsteher und ein Ortsparlament. Das Dorf entwickelte sich allmählich zum Vorort, was sich auch in der Vereinsarbeit widerspiegelte: Erschließung von Bauland, Aufstellen eines Bebauungsplanes und vieles mehr, was uns zum Teil auch heute noch beschäftigt: Verkehr auf der Elbchaussee, Verbesserung des Straßenzustandes, Geschwindigkeitsbegrenzung, eine Bibliothek, eine Badeanstalt an der Elbe.

Während der Kriegsjahre 1914/18 ruhte die Vereinstätigkeit gezwungener Maßen fast völlig. Man beschränkte sich weitgehend auf die Jahreshauptversammlung, versuchte, sich gegenseitig zu helfen, und schickte Pakete für die Soldaten an die Front. Nach Kriegsende begann wieder ein äußerst aktives Vereinsleben. Auch politisch war man damals recht rührig. Man warb für die Wahlen zur Nationalversammlung 1919 und kämpfte gegen die Zersplitterung der Parteienlandschaft. Auch war man entschieden gegen die Eingemeindung nach Altona, jedoch ohne Erfolg. Im Jahre 1927 wurde die Dorfgemeinde Nienstedten Teil der damaligen Stadt Altona. Nun sah sich der Bürgerverein in verstärktem Maße als notwendiges Sprachrohr für die Belange Nienstedtens. Konnte man früher direkt mit dem Gemeindevorsteher sprechen, sah man sich nun einer Stadtverwaltung gegenüber. Die Versprechungen Altonas im Hinblick auf die kommunalen Aufgaben wurden nur teilweise erfüllt, was in den Sitzungsprotokollen der damaligen Zeit häufig beklagt wird. Nach 1933 wurde die Vereinstätigkeit wieder stark eingeschränkt, der Vorsitzende wurde zum „Vereinsführer“. Individuelle Vereine waren nicht mehr gefragt. Und so ruhte die Arbeit von 1935 bis in die Nachkriegszeit.

Am 10. Januar 1950 trafen sich Mitglieder des alten Bürgervereins und andere, am Ortsgeschehen interessierte Bewohner Nienstedtens in der damaligen Gaststätte C. H. Dill. Man war sich einig, den seit der Vorkriegszeit ruhenden Verein wieder aufleben zu lassen. Es sollten „die Belange und Eigenheiten des alten Ortsteils“ vertreten werden. In einer öffentlichen Versammlung im Lokal W. C. Koopmann (heute „Gaststätte Schlag“) wurde kurze Zeit später beschlossen, dies in die Tat umzusetzen. Lange wurde diskutiert, ob der Name „Heimatverein“ und ob Hochkamp und Klein-Flottbek einbezogen werden sollten. Am 1. März 1950 wurde dann der „Bürger- und Heimatverein Nienstedten“ gegründet, wieder im Lokal W. C. Koopmann. Ein Vorstand wurde gewählt: Arthur Woitas als Vorsitzender, Paul Jerichow als Stellvertreter. Weiter gab es Schriftführer, Schatzmeister, Beisitzer und was ein Verein noch so alles brauchte, und auch heute noch hat. Die Vorsitzenden in der Folgezeit waren Otto A. Schaumann, Paul Jerichow, Herbert Cords, Christian Engelken und Dr. Klaus Rauschert – jetzt ist es Peter Schulz. In der Folgezeit war man sehr aktiv, besonders in der Zusammenarbeit mit den jeweiligen „Ortsdienststellenleitern“. Zur Erinnerung: 1950, mit der Einführung der Bezirksverwaltung in Hamburg, bekam auch Nienstedten eine eigene Ortsdienststelle. Sie wurde 1975 im Rahmen von Sparmaßnahmen geschlossen.

Viele Projekte, von denen wir heute noch profitieren, sind auf Anregungen des Bürgervereins zurückzuführen: Öffnung des Wesselhöftparkes, Verbesserung der Busverbindungen, Ausbau des Elbwanderweges, ein eigenes Postamt. Man war bemüht, die Wünsche und Probleme der Bürger herauszufinden, und zusammen mit den Behörden nach Lösungen zu suchen. Ein im Vereinsblatt vom Februar 1953 veröffentlichter „Wunschzettel von Einwohnern Nienstedtens“ zeigt die Anliegen der damaligen Zeit: Kinderspielplätze, Toiletten auf dem Marktplatz, Überdachung des Bahnhofs Hochkamp, Erweiterung der Bahn- und Busverbindungen. Darüber hinaus kümmerte man sich – besonders in den ersten Nachkriegsjahren – um Bedürftige, und man war gesellschaftlich äußerst aktiv. Es fanden Heimatabende statt und Vorträge, man ging gemeinsam ins Theater, Betriebe wurden besichtigt und es wurden Reisen organisiert. Vorausschauend war der Vereinsvorstand auch damals schon: Als im Herbst 1959 der Hamburger Senat beschloss, den Flughafen Fuhlsbüttel auch für Düsenflugzeuge auszustatten, warnte der Verein eindringlich vor den Folgen und schlug eine überregionale Lösung außerhalb Hamburgs vor. Vielleicht hätte man auf ihn hören sollen!

In den folgenden Jahren ging es rasch bergauf in Deutschland. Nachkriegszeit und Wiederaufbau waren vorbei. Damit änderten sich auch die Schwerpunkte der Vereinstätigkeit. Die Unterstützung Bedürftiger verlor an Bedeutung. Man kümmerte sich natürlich weiter um kommunale Belange und widmete sich der Heimatkunde. Ein wesentlicher Teil der Vereinstätigkeit jedoch galt der Geselligkeit, der Unterhaltung der Mitglieder. So nennt zum Beispiel der Jahresbericht 1977 als „Marksteine für ein intensives Schaffen des Vorstandes“: Tanzabend und Herbstfeier in der Elbschloßbrauerei, Laternen-Umzug, Weihnachtsfeier, Ausfahrt mit Karpfenessen, Urlaubsreise nach Österreich, Kaffeefahrten. Es wurde aber nicht nur gefeiert oder verreist. Die auch heute noch so beliebten „Heimatkundlichen Spaziergänge“ fanden regen Zuspruch, wie auch Vorträge, Dia-Abende und Ausstellungen in den „Bürgerstuben“, der ehemaligen Ortsdienststelle an der Thunstraße. Zuvor residierte der Verein im „Bürgerkeller“ in der Kanzleistraße, noch früher im schönen reetgedeckten „Heimathaus“ (Foto) an der Georg-Bonne-Straße. Zusammen mit der Kirche wurde eine enge Partnerschaft zu der Gemeinde Graal-Müritz in der damaligen DDR aufgebaut. Auch etliche kommunale Projekte, wie die Erhaltung der öffentlichen Bücherhalle oder die Öffnung des Tunnels unter der Elbchaussee zum Strand sind auf Initiativen des Vereins zurückzuführen. Die Lebensgewohnheiten der Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert und damit auch ihr Freizeitverhalten. Man hatte andere Interessen: Reisen, das eigene Auto, Fernsehen – und jetzt das Surfen im Internet. Trotz Arbeitszeitverkürzung reichte die Freizeit für Veranstaltungen eines Bürgervereins nicht mehr. Besonders die Jugend war nicht mehr zu begeistern.

Trotz dieser Entwicklung waren die Gruppen und Arbeitskreise des Nienstedtener Bürgervereins in dieser Zeit äußerst aktiv. Von ihnen besteht heute leider nur noch ein kleiner Teil. Die „Seniorengruppe“ traf sich in den „Bürgerstuben“ wöchentlich zu Kaffee und Klönschnack, mit bis zu 40 Mitgliedern. Es gab eine genaue Sitzordnung und man unternahm Ausflüge und Busreisen. Eine „Aktivgruppe“ machte ihrem Namen alle Ehre in der Ausrichtung von Kinderfesten, Auto-Rallyes usw. Die Teilnehmer an der „Plattdüütsch Stünn“ pflegten liebevoll die Niederdeutsche Sprache. Im „Arbeitskreis Heimatkunde“ wurden lehrreiche Spaziergänge durchgeführt und Vorträge gehalten. Eine sehr aktive Jugendgruppe führte den schönen Namen „Junggemeinschaft“, und auch die „Nienstedtener Jungbürger“ leisteten hervorragende Arbeit. In den „Bürgerstuben“ wurde Schach gespielt, und in der Schneidergruppe entstand – und entsteht noch immer – so manches Stück, das die Zeit überdauert. Und seit 50 Jahren bringt der Verein eine eigene Zeitschrift heraus. Zuerst als „Mitteilungsblatt“, ab 1959 als „Der Heimatbote“.

In der jüngsten Vergangenheit wurden die Sielbauarbeiten im Ortskern und die damit verbundene Sanierung des Marktplatzes fast zum Dauerthema. Der Vereinsvorstand war hier aktiver Mittler zwischen Bürgerinteressen, Behörden und politischen Parteien; aus unserer Sicht führte dies zu einem gelungenen Kompromiss. Zusammen mit der Kirche wurde ein Kinderspielplatz am Pastorat eröffnet. Es gab, und gibt auch weiterhin: Vorträge, Ausflüge und Besichtigungen, die jährliche Weihnachtsfeier, einen Laternenumzug, Kinderfeste sowie etliche andere Veranstaltungen, z.B. das Gospelkonzert im letzten Mai. Unser „Nienstedten-Treff“ in der „Gaststätte Schlag“ ist zu einem beliebten Diskussionsforum geworden, die heimatkundlichen Spaziergänge finden eh und je begeisterte Teilnehmer. Und jeden Monat berichtet der „Heimatbote“ über das, was die Bewohner unseres schönen Stadtteils, der ehemaligen Landgemeinde Nienstedten bewegt.